Elizabeth George – Wer dem Tode geweiht

Februar 21, 2012 in Krimis, Rezensionen

Lynley und Havers und kein Ende. Seit mehr als 20 Jahren sind die Romane Elizabeth Georges um den adeligen Kommissar und seine urwüchsige Partnerin ein voller Erfolg, und mit „Wer dem Tode geweiht“ hat die Autorin den sage und schreibe sechzehnten Band ihrer Inspector-Lynley-Reihe abgeliefert.

„Die“  Story gibt es in diesem Buch nicht, denn George flicht auf mehr als 800 Seiten mehrere, teils für den Gesamtkontext relevante, teils aber auch für sich stehende Ereignisse neben-, unter- und übereinander. Nicht alle dieser gewohnt erzählstark gewobenen Handlungsstränge finden allerdings ein für den Leser befriedigendes Ende.

© Greg Figge

Den Anfang, oder besser gesagt die auch so betitelten „Anfänge“ nimmt der Roman mit einem psychologischen Gutachten, das abschnittsweise im weiteren Verlauf immer wieder in die Erzählung eingeflochten wird und scheinbar nicht in direktem Zusammenhang mit ihr steht. Es geht um die Beurteilung dreier etwa zehnjähriger Jungen, die ein Kleinkind entführt, brutal misshandelt und schließlich getötet haben.

Dieser Bericht steht in krassem Gegensatz zur eher vor sich hin plätschernden Gesamthandlung, die vorrangig um eine neue Protagonistin kreist: Isabelle Ardery bewirbt sich für den seit langem vakanten Posten des Detective Superintendent bei New Scotland Yard – den Posten, der vormals Thomas Lynley innehatte, bis dieser nach dem Tod seiner Ehefrau Helen den Dienst quittierte. Ardery muss sich nicht nur gegenüber Lynleys loyalen Mitarbeitern behaupten, sondern auch einen kniffligen Mordfall lösen, bei dem jeder und doch niemand verdächtig erscheint, eine junge Frau umgebracht zu haben. Um Unterstützung bittet die „Neue“ schließlich keinen Geringeren als Lynley selbst, was insbesondere dessen frühere Partnerin Barbara Havers irritiert.

Elizabeth George zeichnet ihre Figuren, sowohl die altbekannten als auch die neu eingeführten, wie immer sehr sensibel und ausdrucksstark. Isabelle Arderys heimliches Alkoholproblem und ihre verworrene Familiengeschichte, Lynleys unerklärliche Gefühle seiner Nachfolgerin gegenüber, Havers‘ unterschwellige Eifersüchteleien – verbunden mit dem sehr britischen Humor der Autorin macht diese Mischung auch Georges neuesten Lynley-Roman lesenswert. Wer aber die spannende Aufklärung eines Mordes, den berühmten Wettlauf der Ermittler gegen die Zeit und ein spektakuläres Finale erwartet, wird enttäuscht werden.

Es ist seit ihrem ersten, gleichermaßen bedrückenden wie beeindruckenden Roman „Gott schütze dieses Haus“ typisch für Elizabeth George, eine kriminalistische Rahmenhandlung zu nutzen, um Missstände aufzuzeigen. Lynleys 16. Fall jedoch ist eher zum Psychogramm einer ganzen Gesellschaft geraten denn zum Kriminalroman, er ist mehr eine umfassende Kritik an der britischen Strafjustiz als ein Rätsel im Stile der berühmte „Crime Ladies“, in deren Riege Elizabeth George sich bereits vor Jahren eingereiht hat. So kommen begeisterte Schmökerer und echte Lynley-Fans zwar durchaus auf ihre Kosten. Krimi-Liebhabern hingegen dürfte es schwer fallen, sich bei der Lektüre dieses Monumentalwerks das eine oder andere Gähnen zu verkneifen.