Interview mit Sebastian Fitzek

März 8, 2012 in Autoren, Interviews

Sebastian Fitzek hat mit “Der Augensammler” und dem Nachfolger “Der Augenjäger” große Erfolge gefeiert. Im Herbst soll sein nächster Thriller erscheinen. Ich habe 2010 ein Interview mit Sebastian geführt, das auch in mehreren Zeitungen und Magazinen erschienen ist – allerdings nie in der kompletten Fassung. Hier habt ihr nun Gelegenheit, das ganze Interview von damals zu zu lesen. Übrigens: Bei seiner letzten Antwort hat er mich doch glatt angelogen!

 

Foto: Lucia Fuster

Du könntest deine Vita wie eine Erfolgsstory schreiben: promovierter Jurist, Programmdirektor, Bestseller-Autor. Stattdessen gehst du sehr selbstironisch mit deiner Karriere um – als wärst du selbst überrascht darüber, wie gut es läuft.

Ich bin nicht überrascht, sondern in vielen Punkten dankbar und mir bewusst, dass ich sehr viel Glück hatte mit bestimmten Personen, die ich kennenlernen durfte. Ich hatte das Glück, mit Rüdiger Kreklau, der leider schon verstorben ist, einen klassischen Mentor zu haben, der nicht nur für die eigene Karriere kämpft, sondern auch anderen ein paar Türen öffnet. Wenn man so etwas nicht hat, kann es sein, dass man trotz allen Talents in der Versenkung bleibt.

Bist du da angekommen, wo du immer hinwolltest?

Bücher schreiben war für mich nur einer von mehreren Träumen. Als Teenager wollte ich Tierarzt werden, vorher Tennisstar, später Schlagzeuger in einer Band. Das hat aber alles nicht so hundertprozentig geklappt. Und ich habe nun mal immer viel gelesen und fand es eine ganz tolle Vorstellung, in den Supermarkt zu gehen, und da steht ein Buch von dir. Aber ich habe nicht bewusst und konsequent darauf hingearbeitet. Ich habe Jura geliebt – für eine gewisse Weile. Dann habe ich das Radio geliebt – bis zu einem gewissen Punkt. Und dann habe ich gesagt: Jetzt probierst du mal zu schreiben. Aber im Kern ging es immer darum, Geschichten zu erzählen. Insofern ist das Schreiben die Konsequenz aller meiner bisherigen Tätigkeiten. Ich glaube dass ich jetzt tatsächlich an einer Station angekommen bin, an der ich mich noch eine ganze Weile tummeln möchte.

Wie viel Fitzek steckt in deinen Figuren?

Das Unterbewusstsein schreibt immer mit. Es entsteht ein Mix aus Dingen, die man selbst mal erlebt oder beobachtet hat und loswerden will, aber dann natürlich auch komplett erfundenen Dingen, die sich aus der Figur heraus entwickeln. Als Autor kann man dann selbst nicht mehr unterscheiden: Bin ich das jetzt oder ist das die Figur? Ich hielt es früher immer für Autoren-Blabla, wenn gesagt wurde, man ist nicht mehr Herr der Figuren. Aber das stimmt. Man wird etwas schizophren und kann am Ende nicht mehr sagen: Was ist von mir da drin, und was hat die Figur originär? Dann erwacht sie zum Leben, und ich kann nur hoffen, dass sie das nicht nur für mich tut.

„Der Augensammler“ ist thematisch dein grausamstes Buch bisher. Macht das Schreiben dann noch Spaß oder belastet es auch?

Kurios ist: Je schlimmer und schrecklicher es ist, was ich schreibe, desto schöner muss mein Arbeitsplatz sein. Ich habe meinen Schreibtisch jetzt in den Wintergarten gewuchtet. Er ist viel zu groß für den Raum, aber ich blicke direkt auf den Garten und einen kleinen Teich mit ein paar Enten drauf – während gerade der Held zu ersticken droht. Ich könnte so etwas nicht in einem dunklen Kellerverlies schreiben, das würde mich zu sehr bedrücken. Was die Grausamkeit angeht, habe ich als Autor aber einen großen Vorteil gegenüber dem Leser: Ich kann mir Dinge von der Seele schreiben. Wenn ich etwa eine schreckliche Zeitungsnachricht lese und das dann in meine Geschichte einarbeite, ist es für mich tatsächlich verarbeitet. Der Leser hingegen wird ja zum ersten Mal damit konfrontiert. Insofern ist das Schreiben auch ein Stück Selbsttherapie. Ich lebe meine dunkle Neigung auf dem Papier aus und habe im wirklichen Leben Platz für anderes.

Wie ist die Idee zum „Augensammler“ geboren?

Alle zwei Wochen bin ich aufgrund meines Haltungsschadens, den ich mir durch jahrelange Computerarbeit antrainiert habe, in physiotherapeutischer Behandlung bei einer sehr lieb gewonnenen Frau, die sogar zu mir nach Hause kommt. Sie hat sich auf Shiatsu-Massage spezialisiert, und am Ende der Behandlung sagt sie mir immer, was sie so aus meinem Körper herausgelesen hat. Und irgendwann, als sie mich in der Mangel hatte, dachte ich mir: Wenn sie tatsächlich in meine Vergangenheit gucken kann, was wäre, wenn ich ein Serienmörder wäre und gerade jemanden in meinem Keller zerhackt hätte – würde sie das spüren? Es gab nur ein Problem: Die Therapeutin würde ja sofort zur Polizei gehen und den Mörder beschreiben. Was müsste also mit dieser Person sein? Sie müsste blind sein. So bin ich auf den Gedanken gekommen, das Buch zu schreiben. Noch während ich geschrieben habe, hakte meine Therapeutin – der ich nichts über das Buch gesagt hatte außer dem Titel – plötzlich nach: Sagen Sie mal, hat die Geschichte mit Ersticken zu tun? Da wurde sie mir langsam unheimlich.

Glaubst du ans Übersinnliche?

Ich glaube, dass es totaler Irrsinn ist, dass wir uns auf einer Erdkugel befinden, die mit 33.000 Kilometern pro Sekunde um sich selbst herum schleudernd durchs Weltall rast – wenn man sich daran gewöhnt hat, ist eigentlich alles andere auch möglich. Wir Menschen betrachten uns ja immer als so aufgeklärt, aber wir sind weit davon entfernt, jedes Geheimnis entschlüsselt zu haben. Ich glaube, dass es Unmengen unerforschter Geheimnisse gibt, ob die aber übersinnlich sind, wage ich zu bezweifeln.

Ist das vielleicht auch ein Erfolgsrezept für einen Autor – sich selbst nicht so wichtig zu nehmen?

Das ist ja mein Lieblingszitat: Nimm das, was du tust, ernst, aber dich selbst nicht so wichtig. Ich glaube dass der Mensch sich in vielen Punkten überschätzt. Wenn wir sagen, wir sind die Krone der Schöpfung, ist das eine Anmaßung, die eine große Fehlerquelle birgt.

Was ist für dich das Schönste an deinem Beruf?

Das Allerschönste ist , dass man all die Dinge, die man im Leben immer mal tun und sagen wollte, verarbeiten kann. Jeder kennt die Situation, in der jemand eine Bemerkung macht, und eine Stunde später fällt einem eine viel schlagfertigere und lustigere Antwort ein als die, die man gegeben hat. Beim Schreiben kann ich über eine Erwiderung eine Stunde lang nachdenken. Man kann sich tatsächlich selbst verwirklichen, das ist ein großes Geschenk. Man wird zum Helden, der man im realen Leben nicht sein kann. Die Freiheit, die man im Beruf des Schriftstellers hat, ist mit nichts zu vergleichen.

Du berichtest über Facebook oder Twitter, dass dein Laufband einstaubt oder dass du deine Freundin mit dem Namen deiner Ex angesprochen hast. Ist diese Offenheit eine bewusste Entscheidung oder kannst du einfach nicht anders?
Ich habe lange überlegt, ob ich meine Bücher unter einem Pseudonym herausbringen soll, weil ich eigentlich nicht gerne vorne stehe. Ich war bisher immer in der zweiten Reihe und damit zufrieden. Das war sicherlich auch eine gewisse Feigheit, die Angst, den Kopf aus dem Fenster zu halten und Wasser abzubekommen. Mein Agent Roman Hocke sagte dann, ich würde mich irgendwann ärgern, wenn ich nicht unter meinem eigenen Namen schreibe. Außerdem sollte man zu dem, was man tut, auch stehen. An dem Tag, als ich mich dafür entschieden habe, habe ich gesagt: Wenn, dann richtig. Ich möchte, dass die Leute mich so kennen lernen, wie ich wirklich bin. Ich will keine Rolle spielen, die ich gar nicht ausfüllen kann, ich will mir kein Image geben. Ich möchte auf meinen Fotos lächeln und meine Hunde neben mir haben. Denn so bin ich, und wenn das keinem Psychothriller-Autor entspricht – meinetwegen. Und ich wollte wissen, was die Leute wirklich über meine Bücher denken, nicht nur Verkaufszahlen und Kritiken bekommen, sondern echte Rückmeldungen. Mit den Reaktionen, die ich bekomme, hätte ich nie gerechnet. Man merkt, dass man nicht nur eine Geschichte schreibt, sondern dass diese Geschichte Auswirkungen hat auf das Leben ganz unterschiedlicher Menschen – bis hin zu einer Frau, die wegen eines Drogendelikts in einem südamerikanischen Gefängnis sitzt. Sie hat sich unheimlich über eine Widmung in einem meiner Bücher zu Weihnachten gefreut. Das hat mir die Augen geöffnet darüber, was man als Autor auslösen kann, was das für ein toller Beruf ist. Deshalb versuche ich auch, jede Nachricht persönlich zu beantworten.

Du hast zwei Hunde, von denen du einen als „welteinzigen Golden Retriever mit schwarzem Fell“ bezeichnest. Was hat es damit auf sich?

Ich wollte schon immer einen Golden Retriever haben, und Gina wurde mir als solcher verkauft. Ich habe mich schon gewundert, dass das Hundebaby schwarz war, aber der Verkäufer sagte: Das ändert sich noch. Hat sich aber nicht geändert. Und der Hund wurde größer und größer. Dann wurde gesagt, man wisse nicht, wer der Vater sei. Inzwischen ist klar, es war wohl ein Riesenschnauzer, doch ich bezweifle, dass eine Golden-Retriever-Hündin überhaupt etwas damit zu tun hatte. Die Tatsache, dass ich das aber lange Zeit geglaubt habe, ist der Beweis meiner grenzenlosen Naivität. Die hat mir allerdings auch geholfen: Hätte ich gewusst, dass nur 0,1 Prozent der Manuskripte eine Chance bei Verlagen haben, hätte ich wohl eher Lotto gespielt als einen Thriller geschrieben.

Gibt’s einen Tipp für das Thema des nächsten Romans?
Es wird wahrscheinlich etwas mit dem „Augensammler“ zu tun haben, aber es gibt keine Fortsetzung, sondern eine völlig andere Geschichte –mit einer Person, die man schon kennt.