Mo Hayder – Atem

März 16, 2012 in Rezensionen, Thriller

Mo Hayders „Atem“ ist ein Buch, bei dem der Klappentext den Leser nicht im Mindesten auf das vorbereitet, was ihn erwartet. Was als Geschichte zweier gegensätzlicher Schwestern, die gegen die Widrigkeiten des Lebens ankämpfen, angekündigt wird, entpuppt sich als morbides Szenario, das nichts für schwache Nerven, sanfte Gemüter und empfindliche Mägen ist.

Die Schwestern, Sally und Zoë, leben nicht weit voneinander entfernt, sind aber seit ihrer Kindheit entfremdet und haben nichts miteinander zu tun und auf den ersten Blick auch nichts gemein. Der brutale Mord an einem hübschen jungen Mädchen jedoch verknüpft die Geschichten der beiden wieder miteinander. Zoë bearbeitet den Fall als Polizistin und wird dabei mit ihrer eigenen dunklen Vergangenheit konfrontiert. Sallys 15-jährige Tochter Millie war mit der Ermordeten befreundet und sucht Hilfe bei ihrer Tante, die sie kaum kennt. So überschneiden sich die Leben dieser beiden Frauen plötzlich wieder, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zoë ist leitende Beamtin bei der Kripo und nach außen taff, unabhängig und selbstbewusst, während Sally gerade ihre Scheidung hinter sich hat, und gegen ihren sozialen Abstieg ankämpft. Doch Zoë verbirgt tiefe seelische Abgründe, und auch Sally blickt in ihrer Geldnot in – gleichwohl menschliche – Abgründe und tut etwas, das niemand von dieser unscheinbaren, bisher so unselbständigen Frau erwarten könnte.

Vor diesem Hintergrund entfaltet Mo Hayder einen rasanten, spannenden und dunklen Thriller. Die Geschichten der beiden Protagonistinnen werden allmählich immer mehr ineinander verflochten, bis sie untrennbar miteinander verbunden sind. Hayder, die mit „Der Vogelmann“ ihren Durchbruch schaffte, beherrscht das Genre des psychologischen Thrillers meisterlich und hebt sich wohltuend von den eher seichten und vorhersehbaren Romanen anderer Autorinnen ab, in denen oft eine beliebige „Frau-trifft-Traummann“-Handlung in eine etwas gruselige Atmosphäre gebettet wird. „Atem“ ist anders: endlich mal wieder ein Buch, bei dem man nie weiß, was als Nächstes passiert, und bis zum Schluss nervös an den Fingernägeln kauen kann.