Tess Gerritsen – Grabesstille

März 12, 2012 in Rezensionen, Thriller

„Zwei ganz unterschiedliche Frauen, die dasselbe Ziel verfolgen“ – so beschreibt die Autorin Tess Gerritsen ihre berühmtesten Figuren, Dr. Maura Isles und Jane Rizzoli. In ihrem neunten Fall geraten die kühle Gerichtsmedizinerin Isles und die heißblütige Polizistin Rizzoli einmal mehr an die Grenzen dessen, was Ermittler ertragen können – und an ihre persönlichen Grenzen.

Neu ist allerdings, dass Tess Gerritsen diesmal ein wichtiges Element ihrer eigenen Persönlichkeit in ihren Roman hat einfließen lassen: In „Grabesstille“ verarbeitet sie erstmals ihre chinesische Abstammung, die sie nach eigener Aussage lange verleugnet hat. Und sie hat mit Iris Fang, der eigentlichen Hauptfigur des Romans, eine Figur geschaffen, die die Leser so schnell nicht vergessen werden. Anders als Isles und Rizzoli beruht der Charakter Iris Fang auf einer tatsächlich existierenden Person, wie Tess Gerritsen mir im Interview erzählt hat. Die Autorin hat darüber auch etwas in ihrem Blog geschrieben.

Rund um die beeindruckende Persönlichkeit der Kampfkunstlehrerin Iris Fang entwickelt sich in „Grabesstille“ eine nicht nur gewohnt spannende und natürlich grausige Geschichte, sondern auch eine, der sehr viel mystischer ist als Gerritsens bisherige Bücher. In Bostons Chinatown macht eine Touristengruppe während einer Führung eine grausige Entdeckung: eine weibliche Hand, sauber am Gelenk abgetrennt – wie sich später herausstellt, mit einem antiken chinesischen Schwert. Die Leiche der Frau wird wenig später gefunden und landet natürlich in der Zuständigkeit der Kriminalbeamtin Jane Rizzoli und auf dem Tisch der Gerichtsmedizinerin Maura Isles. Die Ermittlungen führen weit in die Vergangenheit, zu einem Massaker, das sich vor 19 Jahren in einem chinesischen Restaurant ereignet hat und zu Familien, die auf den ersten Blick nichts gemein haben, die aber ein trauriges Schicksal eint. Rizzoli und Isles kämpfen einen nicht greifbaren Gegner – und gegen das Gefühl, dass hier etwas Unmenschliches, Übernatürliches vor sich geht.

Foto: Derek Henthorn

Tess Gerritsen hat lange damit gewartet, ein Buch zu schreiben, in dem sie ihre eigenen Wurzeln mit ins Spiel bringt. Sie sei bisher immer vor chinesischen Hauptfiguren zurückgescheut, weil ein Herausgeber ihr erzählt habe, dass diese sich „nicht gut verkaufen“, sagt die Autorin dazu. Jetzt, als Bestseller-Autorin von weltweitem Ruhm, hat sie es doch gewagt. Zum Glück, denn „Grabesstille“ gewährt Einblicke in eine faszinierende Kultur fernab von China-Imbiss und Jacke-Chan-Filmen. Tess Gerritsen erkundet hier ihr eigenes Erbe und integriert märchenhafte Elemente wie den Affenkönig Sun Wukong und Schwertkämpferinnen in einen Roman, der darüber hinaus alles hat, was ein guter Thriller braucht: Überraschende Wendungen, knisternde Spannung und die immerwährende Frage: Wer steckt wirklich dahinter?

„Grabestille“ ist gerade in Deutschland erschienen, wenige Tage, bevor im deutschen Fernsehen die Krimiserie „Rizzoli & Isles“ anläuft, die auf Tess Gerritsens erfolgreicher Thriller-Reihe basiert. Kritiker haben der Autorin vorgeworfen, ihre Romane gleichsam „fürs Fernsehen“ zu schreiben und sich den für den Bildschirm etwas weichgespülten TV-Charakteren zu unterwerfen. Gerritsen wehrt sich gegen diesen Vorwurf, und es sei gesagt: Sie wehrt sich zu Recht. Weder Maura Isles noch Jane Rizzoli haben in „Grabesstille“ etwas von ihrer Charakterstärke eingebüßt. Im Video unten spricht Tess Gerritsen über die Serie, die am 14. März auf Vox startet. Man darf gespannt sein, wie die Romane fürs Fernsehen verarbeitet wurden. Das neue Buch jedenfalls ist eine weitere Meisterleistung der Autorin Tess Gerritsen.