Joe Bausch – Knast

Mai 9, 2012 in Hintergrund, Rezensionen

 

Joe Bausch ist nicht nur der Rechtsmediziner Dr. Josef Roth aus dem Kölner Tatort. Im „wahren Leben“ ist Joe Bausch ebenfalls Arzt – er hat jedoch nicht mit Toten zu tun, sondern mit lebenden Menschen, die jedoch manchem mehr Angst einjagen als jeder Tote: mit dem „Abschaum der Gesellschaft“, mit Kriminellen. Bausch ist – Achtung! – Regierungsmedizinaldirektor in der Justizvollzugsanstalt Werl. Oder, einfacher ausgedrückt: Gefängnisarzt. In der JVA behandelt er jeden, vom Eierdieb bis zum Kindermörder. Und er behandelt sie alle gleich.

Darüber, über seinen Beruf, der auch seine Berufung ist, hat Joe Bausch ein Buch geschrieben. Es heißt „Knast“, und ebenso ungeschminkt wie der Titel ist das, was Bausch erzählt. Er schildert, wie der Junge vom Dorf, der eigentlich den Hof des Vaters erben sollte, vor gut 25 Jahren zum Knastdoktor wurde, und wie ihm sein „zweites Leben“, wie er es nennt, als Schauspieler dabei hilft.
 



 
Ja, Joe Bausch strahlt auch als Autor diese bei Ärzten weit verbreitete Arroganz aus. Er schreibt, „Knast“ sei keine Autobiographie, was eindeutig geflunkert ist. Ja, dieser Mann hört sich selbst gern reden, und sicher liest er sich auch gern. Aber er hat eben auch etwas zu erzählen, das es sich anzuhören, das es zu lesen lohnt.

Bauschs Schilderungen gehen unter die Haut, weil sie uns unangenehm sind: Wir wollen nicht das Menschliche im Bösen sehen, wollen nicht wahrnehmen, dass Verbrechen trotz allem, was sie getan haben, Menschen sind wie wir auch. „Im Knast ist alles echt“, heißt es im Buch. Joe Bausch führt den Leser an seine „Kundschaft“ heran, an Menschen, von denen die meisten nur diffuse Vorstellungen haben. Zu gleichen Teilen, spannend, unterhaltsam und irritierend ist die „Kleine Typologie der Verbrecher“, die Bausch aufgrund seiner Erfahrungen erstellt hat. Dass für den Vergewaltiger meist die Frau schuld ist und die meisten Einbrecher arme Schlucker sind, ist noch wenig überraschend. Doch dass etwa Bankräuber die anerkannten Knasthelden sind und die im Gefängnis alt gewordenen Mörder meist völlig unproblematisch, ist interessant und einleuchtend beschrieben und lässt den Leser diese merkwürdige Welt und wie es in ihr zugeht etwas besser begreifen.
 

 
Bausch bringt den Knast zu uns, eine Welt, die wir fast nie wahrnehmen können, dürfen und vor allem wollen. „Ein Gefängnis ist eine hermetisch abgeriegelte Welt“, schreibt Bausch. „Nur bei spektakulären Zwischenfällen hebt sich der Vorhang ein wenig, die „von draußen“ können einen kurzen Blick erhaschen.“ Joe Bauch gewährt uns mit „Knast“ zumindest einen etwas längeren Blick – und der lohnt sich.

 

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