Jussi Adler Olsen – Das Alphabethaus

Juli 27, 2012 in Allgemein, Rezensionen, Thriller

Winter 1944. Das Ende des Zweiten Weltkriegs steht kurz bevor, als die beiden britischen Piloten James und Bryan über deutschem Territorium abstürzen. Bei ihrer lebensgefährlichen Flucht ist es das einzige Ziel der beiden Freunde seit Kindheitstagen, zu überleben und nicht in deutsche Gefangenschaft zu geraten. In letzter Sekunde springen sie auf einen Lazarettzug auf und geben sich als vermeintliche verletzte SS-Offiziere aus, die von der Ostfront nach Hause gebracht werden sollen.

So geraten die beiden – die, um nicht aufzufliegen, jegliche Kommunikation einstellen müssen – in ein Sanatorium für Geisteskranke – das „Alphabethaus“, ganz in der Nähe von Freiburg im Breisgau gelegen. Von da an ist jeder der beiden Freunde auf sich allein gestellt. Um weiter als psychisch krank zu gelten und nicht als Simulant enttarnt zu werden, muss jeder auf seine eigene Weise drastische Maßnahmen ergreifen. Doch schon bald stellt sich heraus, dass sie nicht die einzigen Simulanten im „Alphabethaus“ sind und dass ihr Leben dadurch in noch größerer Gefahr ist. Es beginnt der tatsächliche Kampf der beiden Soldaten: Um ihr Leben, ihre geistige Gesundheit und ihre Freundschaft.

Fast drei Jahrzehnte später begibt sich einer der Überlebenden des Sanatoriums auf Spurensuche – und ahnt nicht, was ihn bei seiner Reise in die Vergangenheit erwartet. Denn auch nach so langer Zeit ist nicht jede Gefahr gebannt – und die Gefühle, die damals in ihm gegeneinander kämpften, sind auch heute noch begründet…

Nachdem der Däne Jussi Adler-Olsen mit seinen Thrillern rund um das Sonderdezernat Q seinen Durchbruch auch außerhalb Skandinaviens schaffte, wurde mit „Das Alphabethaus“ sein Debütroman aus dem Jahr 1997 ins Deutsche übersetzt.

Entgegen der Rahmengeschichte ist das Buch kein Kriegsroman. Es ist zwar die Geschichte eines schrecklichen Kriegs  -  vor allem jedoch die Geschichte zweier Freunde, die auch in den Abgründen dieses Kriegs um jeden Preis überleben wollen;  jeder auf seine Weise und beide um jeden Preis. Dennoch gelingt es Adler-Olsen – ohne dass er sich wie viele Autoren dazu lediglich plakativer Mittel wie Blut und Leichen bedienen müsste –  aus den Ereignissen im „Alphabethaus“  einen Thriller entstehen zu lassen, bei dem der Leser nicht nur der Auflösung entgegenfiebert, sondern zwangsläufig auch die eigene Persönlichkeit zu hinterfragen beginnt. Denn in jedem Menschen ist das Gute und Böse angelegt, da ist sich Jussi Adler-Olsen sicher, und immer wieder ist es an einem selbst, sich für eine der Seiten zu entscheiden.

Dabei überzeugt der Autor nicht nur einmal mehr durch die einzigartige Fähigkeit, Schauplätze lebhaft zu beschreiben und Charaktere so vor dem inneren Auge erstehen zu lassen, dass der Leser sie wie von selbst vor sich sieht, sondern beweist auch akribische Sorgfalt bei der Recherche, ohne die Spannung der Handlung durch das fundierte Wissen dahinter zu schmälern.