Interview mit Tess Gerritsen

August 10, 2012 in Allgemein, Autoren, Interviews

Ihre Thriller über die Gerichtsmedizinerin Maura Isles und die Kriminalbeamtin Jane Rizzoli haben der US-Schriftstellerin Tess Gerritsen zu weltweitem Ruhm verholfen. Ihr aktuelles Buch „Grabesstille“ bezeichnet die Autorin selbst als ihr bislang persönlichstes, weil sie erstmals ihre chinesische Abstammung in eine Geschichte hat einfließen lassen.

Bisher haben Sie Ihre chinesische Abstammung in Ihren Romanen noch nie zum Thema gemacht. Warum nicht? Und vor allem: Wieso haben Sie sich dafür entschieden, es in „Grabesstille“ nun doch zu tun?

Tess Gerritsen: Vor vielen Jahren hat mir ein Herausgeber erzählt, dass sich Geschichten mit chinesischen Heldinnen in den USA nicht gut verkaufen. Deshalb bin ich bisher immer vor asiatischen Hauptfiguren zurückgescheut, weil ich glaube, dass der Herausgeber wahrscheinlich recht hatte. Aber jetzt, viele Jahre später, bin Autorin einer Bestseller-Reihe, und ich fand, es war endlich an der Zeit, mein eigenes Erbe zu erkunden und einige der wundervollen Märchen, die meine Mutter mir erzählt hat, zu verarbeiten. Als ich klein war, habe ich so viele Geschichten über den König der Affen, Mönche mit Zauberkräften und berühmte Schwertkämpferinnen gehört, dass ich absolut begeistert davon war, alle diese märchenhaften Elemente in eine Kriminalgeschichte zu integrieren.

Was bedeuten Ihnen Ihre chinesischen Wurzeln? Wie war es, als chinesisch-amerikanisches Mädchen aufzuwachsen?

Tess Gerritsen: In der Grundschule war ich das einzige asiatische Mädchen, und ich habe mich sehr wie eine Außenseiterin gefühlt. Ich wollte unbedingt „amerikanisch“ sein, wie all die anderen Kinder, und ich habe mich dafür geschämt, dass meine Mutter so schlecht Englisch sprach und dafür, dass wir solch komische Dinge gegessen haben und dafür, dass die anderen Kinder mir Spottnamen verpasst haben. Es war schmerzhaft, zu einer Minderheit zu gehören, und ich habe darauf reagiert, indem ich meine Herkunft lange verleugnet habe.

Hat es eine besondere Bedeutung für Sie, dass Ihre Romane auch in China erscheinen?

Tess Gerritsen: Das ist wirklich aufregend für mich. Obwohl ich selbst nicht Chinesisch spreche, höre ich von meinen Verwandten in China, wie stolz sie sind, wenn wieder ein Buch von mir dort auf den Markt kommt.

Lassen Sie etwas von Ihrer eigenen Persönlichkeit in Ihre Charaktere einfließen? Sind Sie mehr wie Maura Isles oder wie Jane Rizzoli? Oder vielleicht sogar wie Iris Fang, die Heldin in „Grabesstille“?

Tess Gerritsen: Ich bin definitiv mehr Isles! Ich bin Ärztin, ich glaube an die Wissenschaft, und ich bin introvertiert. Bestimmt habe ich nichts von Iris Fang, dieser tapferen, tapferen Frau. Aber wissen Sie was? Iris Fang beruht tatsächlich auf einer realen Person, einer berühmten Kunstlehrerin, die in Boston unterrichtet. Ihr Name ist Bow Sim Mark, und sie ist inzwischen in ihren 70ern.

Ihre Romane enthalten blutige, brutale Szenen. Mögen Sie solche Geschichten auch privat, oder sind Sie da eine ganz andere Person?

Tess Gerritsen: Es ist schon verrückt: Ich selbst erschrecke mich bei brutalen Filmen, und ich mag keine Gewalt in den Büchern, die ich lese. Wenn ich schreibe, versuche ich, die Gewalt nicht direkt darzustellen. Das Blut kommt in meinen Büchern meist erst dann vor, wenn die Ermittler auftreten, Spuren untersuchen und die Tat rekonstruieren.

“Grabesstille” ist das erste Buch, das Sie veröffentlich haben, seit die TV-Serie „Rizzoli & Isles“ in den USA gestartet ist. Manche Kritiker werfen Ihnen vor, das Buch „fürs Fernsehen“ geschrieben zu haben, gleichsam ohne Ecken und Kanten.

Tess Gerritsen: Ich habe keine Ahnung, wovon diese Leute sprechen. Ich schreibe die Geschichten, die ich erzählen will, und ich lasse mich dabei nicht von der Serie beeinflussen. Ich freue mich darüber, dass es diese Serie gibt, weil das wieder neue Leser für die Bücher bringt.

Können Sie den deutschen Lesern eine kleine Vorschau auf das geben, was Sie in Zukunft von Isles und Rizzoli zu erwarten haben?

Tess Gerritsen: Ich arbeite gerade am zehnten Buch der Rizzoli-Isles-Reihe, es heißt „Last To Die“. Darin kehrt ein Charakter aus dem Buch „Totengrund“ wieder zurück, der 16-jährige Julian „Rat“ Perkins, der inzwischen Schüler eines mysteriösen Internats in Maine ist.